Die deutsche Jagdreiterkultur – ein Erbe, auf das wir stolz sein dürfen
Jagdreiten: ein faszinierender Sport, bei dem kein Tier gehetzt und - oder erlegt wird! Wer an einer Schleppjagd teilnimmt, erlebt das Zusammenspiel aus Mensch, Tier und Natur in Verbindung einer gewissen Historie.
Blickt man dieser entgegen, wird deutlich, dass das Jagdreiten hinter Hunden in Deutschland einst weit verbreitet war – sehr viel mehr, als man es heute vermuten würde:
Zählt man die Meuten der Jahre vor und nach 1945 mit den derzeit noch aktiven zusammen, kommt man insgesamt auf eine Anzahl in Summe von mehr als 100 Meuten in Deutschland!
Als Jagdreiten noch vielerorts zu Hause war
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts existierte hierzulande eine beeindruckende Zahl an Jagdreitvereinen und Meuten.
In vielen Städten gehörte ein Jagdreitverein oder eine Meute zur Reitkultur. Prägnante Namen zeugen von einer Jagdlandschaft in anderer Zeit:
- Master: Oberleutnant Holste
- Master: Rittmeister Seyffardt
- Huntsman: Wachtmeister Philips
- Huntsman: Stabsgefreiter Knickmeyer
- Ober-Pikör: Obergefreiter Grieb
- Schatzmeister: Hofrat Dr. Hans von Philipp
- Kennels: Husaren-Kaserne Torgau
- Kennels: Stadtgut Lenkeningken (Insterburg)
- Anschrift: Major a. D. Jobst, Schloßreitbahn
Der Deutsche Jagdreiter-Bund e. V.
In den Jahren 1927 bis 1945 existierte der Deutsche Jagdreiter-Bund e.V. mit Sitz in Berlin. Zweck dieses Bundes war die Vereinigung der damaligen Meutehalter und der Jagdreitervereine. Dessen Vorsitz bestand aus den Herren:
- Major a. D. Müseler (Master des Parforcejagd-Clubs Berlin),
- Michael von Gantzkow (Master des Neubrandenburger Parforcejagd-Vereins),
- Rittmeister Jay (Master der Kavallerieschule Hannover), sowie
- Oberstleutnant Freiherr von Dalwigk, (Vorsitzender des Senne Parforce-Jagdvereins)
Doch bereits vor 1927 existierten zahlreiche Meuten in Deutschland (Preußen und Schlesien inbegriffen). Insbesondere militärische Meuten, die von Kavallerieeinheiten gehalten wurden. Für das berittene Militär war das Jagdreiten vor allem Ausbildung: Geländegefühl, Tempo und das sichere Überwinden natürlicher Hindernisse ließen sich kaum besser trainieren. Nicht selten waren diese Meuten klein. Packs von 10-12 Hunden waren möglich, wenngleich es daneben auch Vereine mit wesentlich mehr Hunden gab.
Auflistung der Meuten und Jagdvereine vor und zur Zeit des Deutschen Jagdreiter-Bunds e. V.:
- Badisches Dragoner-Regiment
6 Hunde, Foxhounds - Bamberger Pack
24 Hunde, Foxhounds - Basedower Meute
Bis zu 60 Hunde, Harrier - Beeskower Meute, Fürstenwalde (Spree)
12 Hunde, Foxhounds - Braunschweiger Schleppjagd-Verband e. V.
20 Hunde - Bremer Schleppjagd-Club
12 Hunde - Breslauer Reitvereinigung St. Hubertus e. V.
Keine Hunde; Jagdtage: Mittwoch und Sonntag - Broocker Meute
50 Hunde, Harrier/Beagle - Bückeburger Meute
36 Hunde, Harrier/Foxhounds
Daraus entstand der Minden-Bückeburger Schleppjagd-Reiterverein - Dortmunder Reiter-Verein e. V.
Keine Hunde, Jagdtage: Sonnabends bis Hubertus - Düppeler Meute (Berlin)
10 Hunde, Foxhounds - Freiburger Schleppjagdverein
24 Hunde - Fritzlaer Meute
20 Hunde, Foxhounds - Garnison-Reiterverein Riesa (Sachsen)
16 Hunde, Foxhounds - Geraer Reitstall e. V.
Keine Hunde; Jagdtag: Sonnabend - Göttinger Schleppjagd-Verein
6 Hunde, Harrier - Großenhainer Parforceverein
30 Hunde, Harrier/Foxhounds - Hallischer Reit- und Jagdverein e. V., Halle an der Saale
Jagden mit der Meute des Torgauer Reit- und Fahrvereins - Hamburger Schleppjagd-Verein e. V.
46 Hunde, Foxhounds - Hessischer Reiterverein e. V., Darmstadt
14 Hunde - Hinterpommersche Meute / Stargordter Meute
Anzahl der Hunde unbekannt, Harrier - Jagdrenn-Club zu Leipzig
10 Hunde - Jagdreiterverein Oels (Schlesien)
12 Hunde, Harrier - Kampagne-Reitverein Chemnitz
12 Hunde, Foxhounds - Kavallerieschule Hannover
32 Hunde - Kölner Reit-, Jagd- und Fahr-Verein e. V.
Jagden mit der Meute des Reit- und Fahr-Vereins Düsseldorf - Königlich Bayerische Equitation, München
Ab 1890 8 Hunde. Danach steter Aufbau. Foxhounds - Königlich Preußische Meute
Bis zu 76 Hunde, Foxhounds - Königlich Sächsische Meute
80 Hunde, Foxhounds - Königlich Hannöversche Meute
Durch französische Besatzung gingen fast alle 400 Hunde verloren.
Harrier - Leipziger Reitverein
Keine Hunde; Jagden hinter der Dienstmeute des 11. Inf.-Regiments
Foxhounds - Ludwigslust-Parchimer Parforcejagdverein
Anzahl der Hunde unbekannt, Beagle/Harrier - Lüneburger Schleppjagd-Verein
16 Hunde - Malchiner Hirschmeute
Anzahl der Hunde unbekannt, Hirschhunde - Märkischer Jagd-Reiter-Verein
Keine Hunde, Jagden mit Erlaubnis des königlichen Hofamts östlich/westlich von Berlin - Meute Gut Banacker (Augsburg)
16 Hunde, Foxhounds - Minden-Bückeburger Schleppjagd-Reiterverein
12 Hunde, Foxhounds/Harrier - Münchener Reit- und Parforce-Jagd-Club e. V.
Keine näheren Informationen, Foxhounds - Neubrandenburger Parforce-Jagdverein
48 Hunde - Neu-Vorpommersche Meute
40 Hunde, Harrier - Nürnberg, Tattersall Noris
10 Koppeln, Foxhounds - Oldenburger Schleppjagdklub
Jagden mit Bremer Meute, Anschaffung eigener Hunde geplant, jedoch nicht belegt. - Osnabrücker Reiterverein e. V.
6 Hunde, Foxhounds - Ostpreußische Hasenmeute
Anzahl der Hunde unbekannt, Harrier - Parforcejagd-Club Berlin e. V.
52 Hunde, Jagdtage: Mittwoch und Sonnabend - Potsdamer Reiterverein
12 Hunde, Foxhounds - Privatmeute Lanke bei Bernau (Berlin)
48 Hunde, Foxhounds - Rastenburger Reiterverein (Ostpreußen)
8 Hunde, Foxhounds - Reit- und Fahrerverband Uelzen
12 Hunde - Reit- und Fahrverein Stadt Düsseldorf e. V.
56 Hunde, Jagdtage: Sonnabend bis Weihnachten - Reiter-Verein Koblenz
Anzahl der Hunde unbekannt, Beagle - Reitjagdverein Insterburg
12 Hunde, Foxhounds - Rheinischer Parforce-Jagdverein
20 Hunde, Foxhounds - Riesenwalder Meute
60 Hunde, Harrier - Sachsen-Altenburger Reiter- und Rennverein
8 Hunde, Foxhounds - Schleppjagd-Verein Rostock und Umgebung
12 Hunde, Beagle - Schleppjagdverein Brüel und Umgebung
10 Hunde, Foxhounds - Schleppjagdverein Itzehoe und Umgebung e. V.
20 Hunde, Jagdtage: Dienstag + Freitag, Foxhounds - Schleppjagdverein Jüterbog e. V.
Jagden hinter der Meute der Artillerieschule (28 Hunde) - Senner Meute
1852 Harrier; mit oder ab 1861 Foxhounds - Senne Parforcejagd-Verein Paderborn
42 Hunde, Jagdtage: Dienstag + Freitag - Soltauer Schleppjagdverein
20 Hunde, Foxhounds - St. Avod-Meute (Elsaß-Lothringen) des 2. Hannover. Ulanen Reg. 14
16 Hunde, Foxhounds - im Buch vermerkt mit
"Schleppmeute mit hoher Qualifikation"
Informationen, was genau diese Qualifikation zu dieser Zeit ausmachte, wird nicht beschrieben. - Sternberger Jagdverein
Anzahl der Hunde unbekannt, Beagle - Stettiner Schleppjagd-Verein
15 Hunde, Foxhounds - Stravenhagener Aktien-Meute (Neubrandenburg)
Keine weiteren Informationen - Strelitzer Jagdreiter-Verein (Mecklenburg)
20 Hunde, Harrier - Stuttgarter Reit- und Fahr-Verein e. V.
16 Hunde - Thüringer Jagdreiter-Bund e. V., Erfurt
14 Hunde, Jagdtage: Dienstag + Freitag - Torgauer Reit- und Fahr-Verein e. V.
12 Hunde, Foxhounds - Uckermarkische Parforcegesellschaft
Anzahl der Hunde unbekannt. Harrier und Foxhounds, da auch Übernahme der Broocker Meute. - Verdener Schleppjagd-Reitverein e. V.
18 Hunde, Foxhounds - Verein für Reitsport Essen
30 Hunde, Beagle / Harrier - Vorpommerscher Schleppjagdverein e. V. Demmin
30 Hunde, Jagdtage: Dienstag + Freitag, Harrier - Westpreußischer Reiterverein e. V.
10 Hunde, Jagdtage: Dienstag + Freitag
Meuten, die sich in der Zeit ab 1945 gründeten und auflösten
Auch in den Jahren nach 1945 gründeten sich neue Meuten in Deutschland. Einige davon lösten sich leider im Laufe der Jahre auf:
- Artland-Meute, Foxhounds
- Asbach-Foxhound-Meute, Foxhounds
- Bavarian Beagles, Beagle
- Bayern-Meute, Foxhounds
- Black Forest Beagles, Beagle
- Hessenmeute, Foxhounds
- HWS-Meute, Black and Tans
- Lipperland-Meute, Foxhounds
- Norddeutscher Jagd- und Rennverein zu Kiel, Bracken
- Odenwald-Beagle-Meute, Beagle
- Petersburg-Meute, Francais Tricolore
- Rallye Wurtemberg, Anglo-Poitevins
- Sauerland-Meute, Foxhounds
- Süddeutscher Hunting Club, Francais Tricolore
- Warendorfer Meute, Foxhounds
- Wedemarkmeute, Beagle
- Wiesenhof-Meute, Francais Tricolore
Ein Erbe, das bis heute weiterlebt
Zwei Weltkriege, gesellschaftliche Veränderungen und neue Formen des Reitsports haben diese Landschaft verändert. Viele Meuten verschwanden. Vereine lösten sich auf. Traditionen blieben bestehen. Heute gibt es in Deutschland weniger als zwanzig aktive Meuten. Und doch ist es bemerkenswert, mit wie viel Leidenschaft diese Sportart betrieben wird. Jede Jagd, die heute geritten wird, steht in einer langen Linie von Reitern, Hunden und Pferden, die diesen Sport über Generationen geprägt und aufrecht erhalten haben. Man kann sich heute kaum vorstellen, welche lebendige Jagdkultur damals existierte.
- Jagdreiten war kein Randphänomen.
- Jagdreiten war fester Bestandteil unserer Reitkultur!
- Darauf dürfen wir stolz sein!
Zusammenhalt in der heutigen Zeit - wichtiger denn je
Gerade weil unsere Szene deutlich kleiner ist als früher, kommt einem Punkt eine besondere Bedeutung zu: Zusammenhalt.
Die Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, kommen meist von außen:
- zunehmende Bürokratie und Genehmigungsverfahren
- schwieriger werdende Flächennutzung
- steigende Anforderungen an Organisation und Sicherheit
- ein veränderter Reitsport, in dem viele Reiter das Gelände kaum noch kennenlernen
Der Nachwuchs ist die zentrale Herausforderung unserer Zeit. Viele junge Reiter wachsen in Reitschulen auf, in denen Gelände, Tempo und natürliche Hindernisse kaum noch eine Rolle spielen. Das Ausreiten in der Gruppe ist beinahe keine gelebte Praxis mehr.
Die Aufgabe der Gegenwart
Wie oben erwähnt, kommt man innerhalb der Historie und Gegenwart auf eine Anzahl in Summe von mehr als 100 Meuten und Jagdreitvereine in Deutschland! Die Pflege dieser tief verwurzelten Kultur ist in der heutigen Zeit eine anspruchsvolle Aufgabe, die weit über das sportliche Vergnügen hinausgeht und vermutlich mehr Engagement denn je erfordert. Auch wenn die klassische Ausbildung im Gelände seltener wird, liegt es an uns, den Wert dieser Tradition selbstbewusst zu vertreten und den Raum für das Jagdreiten aktiv zu sichern.
Wo früher viele Vereine und Meuten existierten, sind wir heute nur noch wenige. Interne Konflikte, persönliche Rivalitäten oder unnötige Grabenkämpfe helfen dem Jagdreiten nicht weiter – im Gegenteil!
Gerade deshalb liegt es mehr denn je an uns, dieses Erbe nun auch künftig gemeinschaftlich und mit Verantwortung zu tragen! Hierfür dient besonders der Ehrenkodex der Deutschen Schleppjagdvereinigung, der innerhalb der deutschen Jagdreiterlandschaft Anwendung findet.
Gerade im zunehmend fragilen Ökosystem der Jagdreiterei sollte ein wertschätzendes Miteinander – besonders zwischen den Meuten – gelebte Praxis sein. Ein klein wenig mehr "Leben und leben lassen" wäre in mancher Hinsicht von Mehrwert!
Philipp Jakob
Meuten, Personen und Vereine entnommen aus folgender Literatur:
- Jagdreiten; FN Verlag, 1987 sowie
- Wilhelm König Die Schleppjagd, 1999
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Foto: Jagdreiten, FN Verlag 1987
